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Der Maler Albin Egger-Lienz in Längenfeld
Der Maler Albin Egger-Lienz wurde am 29. Jänner 1868 in Striebach bei Lienz/Osttirol geboren und starb am 4. November 1926 in St. Justina bei Bozen/Italien. Nach dem Studium an der Akademie in München übersiedelte der Maler 1889 nach Wien. 1911 erhielt er einen Lehrauftrag an der Kunstschule in Weimar, zog sich aber im folgenden Jahr in seine Heimat auf einen Hof bei Bozen zurück. Die Wahl und Auffassung pathetischer Bildstoffe sowie die Helldunkelmalerei verbinden sein Frühwerk eng mit der Malerei seines Landsmannes Franz von Defregger, zum Beispiel bei dem Gemälde "Ave Maria nach der Schlacht am Bergisel“ (1893-96, Innsbruck, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum). Sehr entscheidende Impulse zur Monumentalisierung seines Stils gingen von Akseli Gallén-Kallela und Ferdinand Hodler aus, die 1904 in der Wiener Sezession vertreten waren. Seitdem suchte er Ausdruck und Heroisierung in rhythmisch komponierten Figurenszenen durch Reduzierung aller Details und Bindung der Farben an die Linien, z. B. in „Die Wallfahrer“ (1904-05, Mannheim, Kunsthalle) und „Der Totentanz von Anno Neun“ (1906-08, Wien, Österreichische Galerie).
Unsere Sommer im Ötztal
von Ila Egger-Lienz (Tochter des Künstlers)
Schon vor dem ersten Weltkrieg, als meine Geschwister Lorli und Fred noch Kinder waren, verbrachten meine Eltern viele Sommer im Ötztal. Mein Vater wählte sich das damals noch bescheidene Dorf Längenfeld zum Aufenthaltsort, jedoch besuchten wir auch die übrigen Dörfer des Tales, meist auf Fußwanderungen, jedes Jahr den Stuibenfall und die Dörfer Ötz und Gries im Sulztal. Für meinen Vater waren diese Sommer eine Zeit intensiver Arbeit, es entstanden die Skizzen und Kopfstudien nach Modellen als Vorstudien zu den Gemälden und natürlich auch eine Anzahl von Werken, die hier ihre Vollendung fanden. Unter den Menschen des Ötztales – Männer wie Frauen – fand mein Vater jene Typen, die er zur Aussage seiner Bilder brauchte. Typen, nach denen er unermüdlich auf die Suche ging. Im Winter standen sie ihm vor dem Geist, schuf er sie in der Phantasie und reihte sie gedanklich schon in seine Bildkompositionen ein. In den Sommern dann zog es ihn in die abgelegenen Bergdörfer, in die Armenhäuser, auf die hochgelegenen Höfe. Am Pflug, beim Säen und Mäen erhaschte er sie und verpflichtete sie sofort zu einer Sitzung. Man kannte ihn schon als „der Maler“, „der Professor“, aber sein sehnsuchtsvoller, forschender Blick holte sich nur zu oft diejenigen unter ihnen heraus, bei dem sie es am wenigsten erwartet hätten. „Schieche Leut‘ malt er“, fanden sie kopfschüttelnd, und manches hübsche Dirndl machte sich eitle Hoffnungen, des Künstlers gut bezahltes Modell zu werden. In vielen dunklen Bauernstuben war er ein gern gesehener Besuch, instinktiv fand er den Ton, den diese zugeschlossenen Menschen verstanden; er brachte sie, indem er Anteil an ihren ihm vertrauten Sorgen nahm, oft auch fröhlich oder philosophierend zum Reden. Dass nur Wenige erfassten, worum es dem Künstler ging, zeigt ein Ausspruch eines Längenfelders, der mit bedauernder Miene sagte: „Schad, dass er lei a Maler worden ist, der hätt’s weit bringen können, er ist soviel a lieber Kerl“. Aber die Meisten fanden sich zu den Sitzungen bereit, sofern es ihr Arbeitspensum erlaubte. Ein ganz Junger konnte nicht von seiner Aufgabe als Hüterbub abkommen, da schlug ihm mein Vater vor, er würde ihm ein Fernrohr besorgen, mittels dessen er während der Sitzungen vom Malplatz aus die Ziegenweide im Auge behalten könne. Meine Mutter musste nach Innsbruck fahren, ein solches Gerät zu erwerben, das Problem war gelöst. Es existiert noch ein Notizbuch, in dem ein paar Modelle und Daten notiert sind, wenn auch nicht mit ihrem Namen, oft nur als „Alte Frau, Huben“, „Mann mit Hut, Lehn“, „Schusterin“, „Butterbauer“. In Lehn am Fuße eines Wasserfalls wohnte eines seiner bevorzugten Modelle namens Brugger, der Mann, den mein Vater seinerzeit als Mittelfigur am Gerüst neben das Weib auf dem im Bau befindlichen Haus stellte. Es war das Gemälde,„Das Leben“, das 1912 in Weimar konzipiert wurde. Weiter draußen im Talkessel, in dem Dorfe Au wohnte das Modell namens Klotz, ein bärenstarkes, ungefüges Wesen von seltener Hässlichkeit. Es ist jener bärtige, gebeugte Mann auf dem „Totentanz“ mit dem Gewehr über der Schulter. Damals entstand auch eine neue Fassung zu „Seemann und Teufel".
Schon im Frühsommer bereiteten wir uns auf die Ötztaler Monate vor. Eine Menge Dinge, die mein Vater dort brauchen würde, wurde in große Kisten verpackt, die Malutensilien, Farben, Paletten, Flaschen, Tabakdosen, langen und kurzen Pfeifen, Windlichter, Keil-Rahmen, Leinwände. Mit den Kostümen für die Modelle, den schweren Filzhüten, den dicken Lodenjankern, den steifen, zinnbeschlagenen Gürteln, Nagelschuhen, Stöcken, einem Morgenstern wurde eine besondere Kiste gefüllt. Auf der letzten Bahnstation, in dem Ort Ötztal hielten die Züge nur eine Minute, dort wartete schon der bestellte Landauer, der uns in die gewaltige Bergwelt durch die immer enger werdende Schlucht führte. Immer kälter wurde die Luft, über den schroffen Zinnen brauten sich häufig ziehende Nebel zusammen, die sie wie urweltliche Versteinerungen erscheinen ließen. Dann öffnete sich das Tal, wir waren auf der Höhe. In den Dörfern an Berglehnen kümmerliche Kirchlein, auf allen Seiten erdrückende Wände, Felsformationen, die wie aus einer Schöpferhand auf die Erde geschleudert schienen. Mitten in Wiesen lagen gigantische Granitblöcke, im Sumpf lockten traumhaft schöne Blumen, in breiten, bräunlichen Wogen wälzte sich nach Unwettern die mächtige Ache, die Ötz. Die Wucht und der Ernst dieser Ur-Landschaft zogen meinen Vater an, mit folgenden Worten hatte er sie einmal geschildert: „Rätselhaft und groß ist das Leben hinter den Bergen, an den Gletschern, wo die rauhen, starken Männer wohnen, die auf dem Markt im rauhen Gewande mit großen Schritten die Rinder treiben. Hier steigen der Vorwelt silberne Gestalten auf.“ Wenn man den weiten Talkessel um Längenfeld vor sich sieht, drängt sich die Vorstellung auf, daß diesen ebenen Talgrund, umschlossen von schroffen Wänden, in alten Zeiten einmal ein See ausgefüllt haben könnte. Der Wagen überwand die letzte sanfte Steigung bis zur Fischbachbrücke, in deren Nähe unser Gasthof „Rose“ uns wie jedes Jahr aufnahm. Die hell getäfelten Kämmerchen, die Holzkisten glichen, boten keinerlei Komfort, aber man konnte vom schmalen Balkon aus den Kirchplatz überblik-ken, Stall und Scheune, und an der Rückseite des Hauses stieg unmittelbar der Fels auf... Fortsetzung folgt.
Aus dem Katalog zur Ausstellung „Albin Egger-Lienz und das Oetztal“ in der Galerie zum alten Oetztal (1991).
Dem Herausgeber und Galeristen Hans Jäger danke ich für die freundliche Genehmigung des Abdruckes.
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